ACH KOMMT SCHON.

WIE WIR DIE ORGASMUS-LÜCKE RUMKRIEGEN KÖNNTEN.

(Jump to english version) Es ist 2021 und der NASA-Rover Percy twitterte gestern vom Planeten Mars herunter, dass er auf seiner Entdeckungstour ein bisher ungesehenes Gestein entdeckt hat. Wow! Es ist 2021 und auf der Erde fällt es den Menschen immer noch schwer herauszufinden, wie es mit dem Orgasmus bei Frauen* genauso häufig klappen könnte wie bei Männern*. Getwittert wird darüber leider viel zu wenig, deshalb folgt hier ein Plädoyer für die Entdeckung der Vulva!

Studien gibt es zum Glück nicht nur auf dem Mars, sondern mittlerweile auch zur sogenannten Orgasmus-Lücke (engl. Orgasm Gap). Das ist der Unterschied zwischen der Häufigkeit von Orgasmen bei Männern/Menschen mit Penis und Frauen/Menschen mit Vulva. Das liefert uns zwar noch nicht die magische Orgasmus-Formel, aber wenigstens ein paar Zahlen:

Bei einer Studie mit heterosexuellen Menschen wurde herausgefunden, dass drei Viertel der Männer/Menschen mit Penis beim Sex immer kommen, jedoch nur ein Drittel der Frauen/Menschen mit Vulva. Ein Fünftel von ihnen kommen dabei sogar nie oder selten.

Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass es keinen NASA-Rover auf dem Planeten Vulva geben wird, der uns neue Entdeckungen durchtwittert – aber alle, die behaupten „der Orgasmus von Frauen* ist rein biologisch einfach komplizierter“, kann gerne weiterhin hinterm Mond leben. Die Zahl der Orgasmen verdoppelt sich nämlich bei lesbischem Sex und 90% der Frauen/Menschen mit Vulva kommen „leicht und regelmäßig“, wenn sie sich selbst befriedigen. Es liegt also nicht an der Biologie. Aber woran dann?

woman bed intimate

Wir müssen hingucken!

Frauen/Menschen mit Vulva wachsen oftmals ohne eine richtige Bezeichnung für ihr Geschlechtsteil auf. Im Vergleich zum Penis ist oftmals „da unten“ einfach „nichts“. Oder es gibt Begriffe, die mit „Scham“ beginnen, als Schimpfwort verwendet werden oder es ist ein Ding, in das mittelalterliche Menschen ihre Schwerter reingesteckt haben. Nicht gerade der beste Start für eine Freundschaft-Plus. Anstatt die eigenen Vulvalippen, die Klitoris und Vagina zu entdecken, anzufassen oder mit denen von anderen zu vergleichen, wie es für Penisse zur Tagesordnung gehört, lernt man nur: „da muss man immer schön sauber bleiben“. Wer danach immer noch nicht in Unsicherheiten versinkt, der wird spätestens nach verspottetem Cameltoe (Abzeichnung der Vulva durch die Kleidung), genormter Porno-Pussy und allgemeinem Vulvashaming, die Beine immer schön übereinanderschlagen. Ladies and Gentleman: Es ist Zeit für den Handspiegel und einem Date mit eurem Geschlechtsorgan! Egal was ihr glaubt oder euch erzählt wurde: Eure Vulva ist wunderschön und absolut einzigartig. Guckt sie euch an und die Bilder von thevulvagallery gleich noch hinterher. Fragt ob ihr mal bei eurer beste:n Freund:in schauen dürft und lasst euch eure wertvolle Vulva zu einer Statue bei vulvacasting.com machen. Auch wenn ihr jetzt denkt: „das ist alles total übertrieben und seltsam“, kann man mit Gewissheit sagen: Das sind nicht eure eigenen Gedanken und es ist Zeit, den Penis und die Vulva als gleichwertiges Geschlechtsteil zu sehen und zu behandeln.

anatomie der vulva und der Klitoris

Es liegt in unserer Hand!

Dass Männer/Menschen mit Penis öfter einen Orgasmus haben, liegt auch daran, dass sie oftmals genau wissen, wie sie ihr Genital anfassen müssen oder was damit gemacht werden soll, um eine lustvolle Erfahrung zu erzielen. Und wie haben die das herausgefunden? Durch Selbsterfahrung, Übung und der gesellschaftlichen Erlaubnis sexuell sein zu dürfen. Leider ist es auch eine Folge von geschichtlichen Ereignissen, dass Frauen/Menschen mit Vulva weniger Sexualdrang zugestanden wird und deren Orgasmus als kompliziert bis nicht vorhanden in der Geschichte untergegangen ist. Der Historiker Thomas Laqueur schreibt in seinem Buch „Making Sex“ dass man vor der Zeit der Aufklärung noch glaubte, dass der Orgasmus der Frau* notwendig sei, damit sie schwanger wird. Man glaubte außerdem das beste Mittel um Schwanger zu werden sei, wenn Mann* und Frau* gleichzeitig kämen. Daher gab es Handbücher mit Tipps, wie man eine Frau* nicht zu sehr erregt, damit sie nicht schon vor dem Mann* kommt. Dieses Handbuch braucht heutzutage niemand mehr – ganz im Gegenteil. Der Orgasmus mit Vulva muss wieder entdeckt werden.

Wer wissen will, was einem selbst oder dem/der Partner:in gefällt, muss es herausfinden und lernen. Forscher*innen vom Kinsey-Institut haben deshalb in Kooperation mit der Universität Indiana über 20.000 Frauen/Menschen mit Vulva zwischen 18 und 95 für eine Studie zum Thema Selbstbefriedigung befragt. Die aus der Studie hervorgehenden Vorlieben wie Umkreisen, Hochschaukeln oder Abstufen sowie Atem- und Anspannungstechniken kann man auf der Webseite OMG.yes in Videos mit echten Frauen/Menschen mit Vulva ansehen und damit das Vulva-Game neu starten.

Wichtig ist dabei: Es geht hier nicht darum, eure Performance zu optimieren, damit ihr genauso filmreif kommt wie irgendwelche Pornstars im Stroh. Es geht darum die eigene Lust zu entdecken – und zwar nur für euch selbst. Ohne Erfolgsdruck, ohne Vergleiche, ohne Scham. Wenn du hierbei schöne Erfahrungen mit dir machst, kannst du diese mit deine:r Partner:in teilen. Betonung auf „mit“ nicht „für“. Viva la Vulva!

Entnormt euren Sex!

Es ist meistens der Akt in drei Akten: Vorspiel. Penetration. Mann* kommt. Ende. Um die Orgasmus-Lücke zu schließen, muss sich dieses Drehbuch dringend updaten. Denn Sex ist nicht gleich Penetration. Wenn das stimmen würde, hätten nur 18,4% der Menschen mit Vulva überhaupt die Chance auf einen Orgasmus. Denn dies ist die Zahl derer, die durch reine Penetration zum Höhepunkt gelangen können. Hört sich jetzt doch kompliziert an? Es ist eigentlich ganz einfach: Reine Penetration (oder auch bspw. das Einführen eines Dildos) stimuliert nur einen Teil der Vulva: und zwar die Vagina. (Nope, die beiden sind nicht das Gleiche). Mit Rein und Raus erreicht man also nur einen kleinen Teil der etwa 8.000 lustvollen Nervenenden der Klitoris, die im Innen- und Außenbereich der Vulva liegt. Und diese Klitoris spielt die Hauptrolle, wenn es um den Vulva-Orgasmus geht.

Wir haben jetzt also das Profil der Vulva-Anatomie durchgelesen und nach rechts geswiped. Doch was machen wir jetzt, wenn wir beim ersten Date sitzen? Richtig: Reden! Um nicht wieder in alte Muster zu verfallen, gilt es neue Regeln aufzustellen. Zum Beispiel: Kein Orgasm-Catfishing. Wer Orgasmen vortäuscht (20% der Frauen/Menschen mit Vulva) um die Gefühle oder das Ego des/der Partner:in nicht zu verletzen landet wieder bei „Dinner for One“. Ein Klassiker, den jeder kennt, aber der halt auch immer den gleichen Witz bringt.

Einigt euch darauf, dass ihr echten Sex miteinander wollt und kein halbwegs überzeugendes „Jaaaaa, oh mein Gott, krass, wow!“ im Ohr.

Realer Sex teilt Lust nicht in ein Vorspiel, Hauptteil und Schluss auf. Wir sind nämlich in euren horny Gehirnen und nicht in der Drehbuchschreibwerkstatt. Hier fängt Sex an, sobald ihr ihn miteinander wollt. Melanie Büttner ist Host des Sex-Podcasts “Ist das normal” von der Zeit und schlägt vor, das alte Drehbuch durch das Prinzip: “Erst du, dann ich” zu ersetzen. Wer an der Reihe der/des Gebenden ist fokussiert sich dabei voll und ganz auf die Lust des/der Anderen. Ihr könnt so viele Wiederholungen einbauen wie ihr wollt und immer wieder neu erfragen oder kommunizieren, worauf ihr in der nächsten Runde Lust habt.

Ok und jetzt nochmal zur Erinnerung: Euer Gehirn ist ein ziemlich krasses Organ. Gebt dort oben den Suchbegriff „Sex“ ein und scrollt durch alle fantastischen Ergebnisse, die dort auf ihren großen Tag gewartet haben. Dabei wird euch auffallen: Eure Fantasien stellen sich selten nur den Orgasmus vor. Hier gilt genauso wie in der Umsetzung: der Weg ist das Ziel.

🤍

*Mit den Begriffen Frauen und Männer schließen wir grundsätzlich alle Menschen ein, die sich mit diesem Geschlecht identifizieren. Da sich unsere Quellen für diesen Text oft auf cis-geschlechtliche Menschen und deren Geschlechtsorgane beziehen haben wir die Bezeichnung, Menschen mit Vulva / Penis hinzugefügt. In wörtlicher Rede verwenden wir die Begriffe Frau/Mann, da sich diese Zitate bewusst auf cis-geschlechtliche Identität und deren (klassische/veraltete) Rollenbilder beziehen. Der Begriff heterosexuell ist in Bezug auf die Quellen auf Menschen mit cis-geschlechtlicher Identität bezogen.

Sources:
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2021-02/geschlechterrollen-sex-orgasmus-luecke-mann-frau-queer-sex-podcast
https://www.mdr.de/wissen/faszination-technik/perseverance-entnimmt-probe-vom-mars-und-findet-mineralien-100.html
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2021-01/sex-tipps-vulva-masturbation-paarsex-timing-sexpodcast
https://pleasurebetter.com/orgasm-statistics/
Buch: Der Ursprung der Welt von Liv Strömquist

YOU FOUND THE ENGLISH VERSION

OH CUM ON!

How we could f*ck the orgasm gap

It’s 2021 and NASA’s rover tweeted from Mars that it has discovered a previously unseen rock on its discovery tour. Wow. Meanwhile on Earth, people are still having a hard time figuring out how an orgasm could work for women* as often as it does for men*. Unfortunately, too little is tweeted about it, so here is a plea for the discovery of the vulva!

Fortunately, there are studies not only on Mars, but now also on the so-called orgasm gap. The orgasm or so-called pleasure gap is the difference between the frequency of orgasms in men/people with penises and women/people with vulvas. That doesn’t give us the magic orgasm formula yet, but at least it gives us some numbers:

A study of heterosexual people found that three-quarters of men/people with penises always come during sex, but only one-third of women/people with vulvas do. One fifth of them even never or rarely come.

We guess that we have to accept that there will be no NASA rover on planet Vulva to tweet us new discoveries – but all those who claim “the orgasm of women* is simply more complicated from a purely biological point of view” are welcome to continue living behind the moon. In fact, the number of orgasms doubles during lesbian sex and 90% of women/people with vulvas come “easily and regularly” when they masturbate. So it’s not because of biology. But what is it?

woman bed intimate pleasure flint person nude naked

Look closely!

Women/people with vulvas often grow up without a proper term for their private parts, or there are terms that start with “shame” or are used as a swear word. Not exactly the best start for a friendship-plus. Instead of discovering and touching one’s own vulva lips, clitoris, and vagina, most people only learn: “you must always maintain it nice and clean”. If you still don’t feel insecure after that, you will always cross your legs nicely after a mocked camel toe (drawing of the vulva through the clothes), a standardized porn pussy and general vulvashaming. Ladies and Gentlemen: It’s time for the hand mirror and a date with your sex organ! No matter what you believe or have been told: Your vulva is beautiful and absolutely unique. Check it out and check out the pictures from thevulvagallery afterwards, or have your precious vulva made into a statue at vulvacasting.com. Even if you think now: “this is all totally exaggerated and weird”, you can say with certainty: these are not your own thoughts, and it is time to see and treat the penis and the vulva as equal sex parts.

anatomy of the clitoris and vulva

Take matter into your own hands!

The fact that men/people with penises orgasm more often is also because they often know exactly how to touch their genitals or what to do with them to achieve a pleasurable experience. And how did they figure that out? Through self-learning, practice, and society’s permission to be sexual. Unfortunately, it is also a consequence of historical events that women/people with vulvas are granted less sexual urge and their orgasm has been lost to history as being complicated to non-existent. The historian Thomas Laqueur writes in his book “Making Sex” that prior to the Enlightenment period, it was still believed that a woman’s* orgasm was necessary for her to become pregnant. It was also believed that the best way to get pregnant was for a man* and woman* to come at the same time. Therefore, there were manuals with tips on how not to arouse a woman* too much so that she would not come before the man*. Today, nobody needs this manual anymore – it’s quite the opposite. The orgasm with vulva must be rediscovered.

If you want to know what pleases you or your partner, you must find out and learn. In cooperation with the Indiana University researchers from the Kinsey Institute surveyed over 20,000 women/people with vulvas between 18 and 95 for a study on masturbation. The preferences that emerged from the study, such as circling, rocking up or down, as well as breathing and tension techniques, can be viewed on the website OMG.yes in videos with real women/people with vulvas and thus explore the vulva game in a new way.

The important thing is: It’s not about optimizing your performance so that you come as some porn stars. It’s about discovering your own pleasure – just for yourself. Without pressure to succeed, without comparisons, without shame. If you have a good experience with yourself, you can share it with your partner. Emphasis on “with” not “for”. Viva la Vulva!

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De-normalize your sex!

Most of the time, sex comes in three acts: Foreplay. Penetration. Man* comes. End. To close the orgasm gap, this script urgently needs an update. Because sex does not equal penetration. If that were true, only 18.4% of people with vulvas would even have a chance at orgasm. Because this is the number of those who can reach climax through pure penetration.

Sounds complicated now, doesn’t it? It’s actually quite simple: pure penetration (or inserting a dildo, for example) stimulates only one part of the vulva: the vagina. (Nope, they are not the same thing). With some “ins and outs” you only reach a small part of the approximately 8,000 pleasurable nerve endings of the clitoris, which are in the inner and outer areas of the vulva. And this clitoris plays the main role when it comes to the vulva orgasm.

So now we’ve read through the vulva anatomy profile and swiped right. But what do we do now when we go on the first date? Exactly: Talk about it! In order not to fall back into old patterns, it is necessary to establish new rules. For example: No orgasm catfishing. If you fake orgasms (20% of women/people with vulvas) to avoid hurting your partner’s feelings or ego, you’ll end up back at “Dinner for One”. A classic, which everyone knows, but which always delivers the same joke.

Agree that you want real sex with each other and not a halfway convincing “Yaaaa, oh my God, wow!” in your ear.

Real sex doesn’t divide pleasure into a foreplay, main part and ending. We are in your horny brains and not in the script writing workshop. Here, sex starts as soon as you want it with each other. This rather simple principle gives you all the freedom you need: First you, then me – with as many repetitions as you want. Whoever’s turn it is to give pleasure focuses entirely on the other person’s desire, and you can always ask or communicate what you’re in the mood for in the next round.

Ok and now again as a little reminder: your brain is a badass organ. Enter the search term “sex” up there and scroll through all the fantastic results that have been waiting there for their big day. As you do so, you’ll notice: Your fantasies rarely just imagine the orgasm. The same applies in real life: the journey is the goal.

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*With the terms women and men, we basically include all people who identify with this gender. Because our sources for this text often refer to cisgender people and their sex organs, we have added the term, people with vulvas / penises. In literal speech, we use the terms woman/man because these citations intentionally refer to cisgender identity and their (classic / obsolete) role models. The term heterosexual is used in reference to the sources to refer to people with cisgender identity.

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